Grossvater

Er kündigte sich an, als ich kaum die Schwelle 60 hinter mir gelassen und mich mit dem Gefühl zu versöhnen begann, das sich aus wenig Vernunft und vielen Bildern zusammensetzt, alten Bildern, alten Bildern des Alters. 60jährige waren in meinen Kinderaugen schwarz gekleidet, hatten einen Hut auf dem Kopf und gingen am Stock. 

Nun lächelt mich Camille schon an, und das Wissen, Grossvater zu sein, wird langsam zum Gefühl. Aber ich stammle noch, wenn ich gefragt werde, wie genau es sich anfühlt. Er macht mich älter, und er tröstet zugleich. Gewissheit greift Platz, dass die Welt sich weiter dreht. Der Gedanke, dass ich nur die Mitte meiner Welt bin, wird nach und nach zur Entlastung.

Es gibt keine Formen dazu. Zu allen möglichen Lebensereignissen wird gratuliert, aber zur Geburt des ersten Enkels – da herrscht oft leise Unsicherheit. Es ist, als hätte es etwas Intimes, vielleicht überaus Familiäres. Es ist, als sei man unsicher, ob ich wirklich zu beglückwünschen sei. Aber es gibt auch die anderen, spontanen Reaktionen der Freude, manchmal überschwengliche, gerührte, manchmal hoch reflektierte. 

Nach sechzig

Neues Lebens-Gefühl: Zufriedenheit mit mir, mit meinen Liebsten und mit der Welt, so schwierig sie ist. Grosse Dankbarkeit auch, in die beste Zeit und die beste Ecke dieser schwierigen Welt geboren worden zu sein.
Es war … bzw. wir haben es uns verboten gehabt, jahrzehntelang, in Frieden zu sein. Es war unsere Aufgabe gewesen, auf das Böse hinzuweisen, das Böse auf der Welt, das Böse am System. Das Schlimme. Als Söhne und Töchter einer im sog. „Fortschritt“ taumelnden Generation, die oft verdrängte, was zu verdrängen lebensnotwendig war, mussten wir alles aufdecken, alle faulen Kompromisse und Selbsttäuschungen, alle Illusionen über die Machbarkeit.
Jetzt kommt es plötzlich, mit Macht, das heftige Bedürfnis nach Versöhnung. Ideologien, innere und soziale Denkverbote sind weitgehend gefallen. Es ist, als breche sich ein Gefühl Bahn, dass ich zurückgehalten habe, das aber zum Ausgleich meines Innenlebens notwendig ist und womöglich schon lange gewesen wäre.

Sechzig??

60 Jahre Zeit hätte ich gehabt, es auszurechnen – und doch bin ich überrascht, dass es nun so weit sein soll. Meine Grossmütter waren mit 60 in meinen kindlichen Augen zwei uralte Frauen. Ich erinnere sie in Schwarz.
Es gibt etwas, das sich wie Trauer anfühlt. Trauer über gelebtes Leben, und auch über das nicht Gelebte.
Aber es gibt auch das Eingeständnis grosser, zunehmender Dankbarkeit.
Denn immer wieder fand mich das Glück.

Satt

Es gibt nichts Satteres als diese Mitte Europas, die aber nicht richtig dazugehören will, und wer satt ist sehnt sich weg; wer hungrig, hin.
Es ist wie Kochbuchlesen mit vollem Bauch; es inspiriert nicht, Widerwille und Unlust sind die Empfindungen. Wer begeistern will muss lügen und tut es auch. Weil es mangelt an Begeisterung.

Workshock??

Ich habe sie mir schlimmer vorgestellt, die Rückkehr in die Normalität. Schmerzhafter, widerwilliger. Erleichtert, ich muss es zugeben, wird sie dadurch, dass ich da und dort vermisst wurde – das rührt mich und macht mich schwach. Aber auch durch Routinen, die sofort wieder einrasten, bis hin zu einzelnen Bewegungsabläufen. Sie werden, scheint es, nicht vom Gehirn memoriert, sondern vom peripheren Bindegewebe. Nicht ich erinnere die alltägliche Bewegungsabläufe (ich könnte sie auch nicht beschreiben), es sind meine Glieder und Finger die wissen, wie das Fahrradschloss geöffnet, wie die Kaffeemaschine in Gang gesetzt oder der Computer gestartet wird.
So gleite ich fast merklos in meine alten Wege, in meinen Alltag zurück. Gehöre ich bald wieder ganz dazu, wird bald schon mein Time-out nichts als Geschichte sein?

Spürbare Spuren hinterlässt der fast halbjährige Break beim Energieaufwand, den das Ertragen erfordert. Die Erinnerung an Stimmungslagen in Arbeitsbesprechungen, in Teamsitzungen und Gremien, diese Vertrautheit mit kulturspezifischen Befindlichkeiten, sie lässt plötzlich wieder Gelassenheit zu. Stilles Staunen, was alles unverändert koexistiert auf dieser weiten Welt. Und innere Distanz auch dort, wo Handlungsdruck äussere nicht zulässt.
Die freiwerdende Energie, vorher in den Posen von Empörung und Ärger gebunden, sie steht mir wieder zur Verfügung. Sie ist mein Reservetank.

Ob ich mit neuen Ideen zurückgekommen sei? Als neuer Mensch gar? Wer das fragt, erinnert sich nicht daran, dass ich schon bevor ich ging Ideen auf Halde produziert habe und dass nicht alle genehm und bequem waren.
Aber – das stimmt – sie fliessen wieder freier, meine Ideen. Ungehemmter, seit mein Reservetank wieder gefüllt ist.

Und seit ich vergessen durfte, wie zähflüssig diese Welt doch ist.

Bilanzieren

Meine Auszeit ist bald aus. Nicht zur Unzeit. Es lockt und tröstet die Aussicht auf Rückkehr in einen milden europäischen Frühling, mit den Schwalben. Sie sammeln sich schon für die Abreise. Herbst ist spürbar, Zeitenwechsel.
Und es erlöst bald auch von langem Sehnen die Wiedervereinigung mit meines späten Lebens Glück. Wir gehören nicht getrennt, nicht monatelang.

Mit dem Bilanzieren gewinne ich Distanz zurück. Die Mühen der heute hier massgebenden Generation, mit Ende und Erbe der Apartheid fertig zu werden – sie sind mein Lebensthema nicht. Und es sind es doch auch nicht die vielfältigen Abgründe und Hintergründe kollektiver Schuld und Wut, Hoffahrt und Demut.

Die Fachdiskussionen um die Themen von Segregation, Armut und Ungleichheit weisen keinen klaren Weg. Wo beginnen? Es gibt bisher soweit ersichtlich keine nachhaltig erfolgversprechenden De-Segregations-Strategien, zumal nicht solche, die den hier vorliegenden Dimensionen gewachsen wären. Und schon über die Ziele herrscht offensichtlich keine Einigkeit. Wie genau interferieren caritative Aktionen mit dem Druck zu tiefgreifendem, revolutionärem Strukturwandel? Die Soziale Arbeit habe ich in dieser Diskussion nicht entdeckt. Sie handelt lieber, palliativ.
Mit Appellen an die Geduld ist es nicht mehr lange getan. Die nächsten 5 oder 10 Jahre werden zeigen, ob Südafrika wirklich ohne Umsturz durchkommt. Die Prognosen sind durchzogen.

Zu den geniessbareren Früchten meiner fachlichen Arbeit führt der neue Link oben. Grundstein für ein längerfristiges Vorhaben.

Südafrikas unberührte Landschaft ist von grosser, manchmal schier überwältigender Schönheit. Zugleich ist das Land aber grossflächig geschunden; geschlissen und zerklüftet von vergangener und gegenwärtiger Ausbeutung und Misswirtschaft. Die Vergitterung und Unzugänglichkeit weiter Landstriche, fehlende oder nicht durchsetzungsfähige Raumplanung, mit imperialer Geste angerichtete Betonwüsten, lieblose Wehrsiedlungen, Elendszonen so weit das Auge reicht, trostlose Dörfer ohne jede Infrastruktur, scheinbar versunken in kollektiver Depression, Landflucht. Die traditionsreichen paradiesischen Landgüter sind hierzu nur vordergründig ein brutaler Kontrast. In ihrer nordeuropäisch behäbigen Pracht sind sie ja auch stumme Zeugen eines Reichtums, der seit Jahrhunderten auf Armut und Unterdrückung baut. Wer sich dadurch die lukullischen Sinnesfreuden in dieser naturverwöhnten Weltregion nicht nehmen lassen will, braucht eine gewisse Grund-Energie.

Mein Bekanntenkreis ist grösser geworden, reichhaltiger an Lebenserfahrungen, aber nicht farbiger. Zu getrennt sind die Welten, zu kurz die Zeit, zu reserviert das Biotop in dem ich mich niedergelassen habe.

Ach ja … und was für ein Blogger ich wäre, das wollte ich einfach ausprobieren.
Den einsamen Poeten lasse ich gerne hier. Mir schwebte ein Journalist vor, der nicht die Welt beschreibt sondern das, was die Welt in ihm spiegelt.

Ich danke allen, die mir diese Zeit ermöglicht und bereichert haben.

Am Tafelberg, im Frühjahr 2013

Lange Schatten

Eine Hochburg weissen Traditionsbewusstseins sei Stellenbosch und seine Universität. Geschichtsvergessener Sendungseifer, Verantwortungsbewusstsein gegenüber der eigenen Kultur oder auch die schlichte Befürchtung, Afrikaans-sprachige Sponsoren vor den Kopf zu stossen: es gibt Begründungen aller Couleur, nicht den Sprung zu wagen über einen langen eigenen Schatten.

Ich bin erinnert an die eigene Erfahrung mit der Führung einer Hochschule, die sich ihrer Traditionen sehr bewusst war in einer Zeit, da alle Zeichen auf Change deuteten. Hochschulen profilieren sich über Innovation, ihr Antlitz aber ist ihre Tradition. Es braucht Mut, zu Tradition zu stehen und es braucht Mut, Traditionen abzulegen. Mit Mut alleine ist es also nicht getan und was so aussieht wie Mutlosigkeit ist vielleicht das Gegenteil. Es braucht mehr.
Wo es kein Rezept gibt, braucht es Konzept. Keinen Kompromiss. Keine Mehrheiten, hinter denen sich laue Lösungen verstecken können, sondern einen Willensentscheid im Sinne eines kreativen, mutigen Aktes.
Vielleicht Führung im besten ihrer Sinne.

Die Sprachen-Strategie der Universität Stellenbosch ist ein interessantes Dokument. Als Jurist bist Du sprachsensibel genug, um hinter den Formulierungen das zähe Ringen zu erkennen, das zu Lösungen geführt hat, mit denen alle leben können. Die Frage ist nur, ob das reicht und wie lange.

Hier hab ich denn auch die Soziale Arbeit nicht gefunden, die ich meinte. Eine, die den Mut beweist, sich auch an die grossen Themen zu machen. An die Erforschung und Bearbeitung dessen, was die Befreiung der Gesellschaft von alter Last behindert und Zusammenleben nicht aufkommen lässt: Segregation, Rassendünkel, Kollektivschuld. Generationenwechsel und Versöhnung.

Was mir vorschwebte war Soziale Expertise, die die servile Fokussierung auf individuelles Elend und Versagen überwindet, die Fesseln ihrer humanitären Orientierung abstreift und sich an der Konstruktion neuer gesellschaftlicher Funktionalität beteiligt. Denn davon wären Impulse zu erhoffen weit über die schattigen Zonen hinaus.

Verblüfft

Auf dem Papier seit kurzem sog. Doppelbürger, die Kinderschuhe irgendwo im weiteren Europa verloren, bin ich nicht imstande, Nationalität zu empfinden.
Sie verleiht mir Papier und Privileg, kaum Pflicht, keine Identität.

In Übersee erlebe ich, wie das alltagsfüllende kleinliche Geplänkel und Gerangel im beschränkten europäischen Raum verblasst und Europa identitätsstiftend wird. Plötzlich so etwas wie Heimat. Zumal Europa mit seinen kulturellen Ansprüchen wie mit seinen Blutspuren überall präsent ist und man als Europäer adressiert wird.
Ich fühle mich so, wie ich adressiert werde, weil ich nichts dagegen habe.
Allen Erwartungen an einen Europäer entspreche ich auch, wenn ich davon ausgehe, dass Afrika ein, zwei, viele Probleme hat, an deren Enstehung und Verständnis ich uns zwar gerne beteilige, die ich aber selbstredend als viel schwerwiegender denke, als das, woran wir in Europa zu leiden glauben.

„Will Europe be able to reinvent itself?“ Eine Frage, die mich verblüfft. Man sieht die leeren Kirchen in einem vom Islam überrannten, verzweifelt um Bewahrung ringenden und in Selbstzerfleischung begriffenen Alten Kontinent und ich nehme peinlich berührt Mitleid wahr. Ungleichheit, Unsicherheit, Ungewissheit: das Ringen um die Bewältigung echter Herausforderungen sei es, was dem Leben Sinn verleihe, Wirtschaft und Politik dynamisiere, Kunst und Kultur inspiriere. Das sagen mir Leute, die ganz persönlich und auf höchster Ebene mitgewirkt haben bei Versöhnung und Friedenssicherung im südlichen Afrika.

Unsere Prognose ist nicht gut in den Augen der Welt. Was tun wir dazu?
Das schweizerische Minarettverbot ist ein Joker. Ich präsentiere die Sache so, dass wir sehr offen diskutieren und stelle die Kakophonie, die dabei zu vernehmen ist, als Ausdruck einer pluralistischen, toleranten Gesellschaft dar, die den Dialog pflegt als Grundlage ihrer Entwicklungsfähigkeit.
Es fühlt sich an, als rede ich mit dem Mundwerk eines Fremden.